Kevin Dutton: Psychopathen. Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann.

Buchbesprechung: Kevin Dutton: Psychopathen. Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann. Deutscher Taschenbuch Verlag, Deutsche Erstausgabe 2013.

Weck den Psychopathen in Dir!

Für Sie gelesen und besprochen:
Manchmal wünsche ich mir, ich könnte mich für einige Minuten im Gehirn eines anderen Menschen aufhalten. Um die Welt mit seinen Augen zu sehen. Seine Interpretationen der Wirklichkeit, seine Gefühle, mit denen er auf dieselben Ereignisse reagiert, nachempfinden. Eine Bedingung müsste aber felsenfest garantiert werden. Sobald ich mich unwohl fühle oder vor Schrecken erstarre, könnte ich an einer Reißleine ziehen und sofort aus dem Experiment aussteigen.

Utopie?

Ich weiß zumindest von einem, dem ein solcher Trip gelungen ist. Kevin Dutton, Professor am Magdalenen College der Oxford Universität ist in das Kopf-Kino von Psychopathen eingetaucht. Sein Gehirn wurde einem elektromagnetischen Feld ausgesetzt, das sein Gefühlszentrum störte. Dabei schaute er sich ein Video an, das grauselige Folterszenen zeigte. Menschen wurden verstümmelt und hingerichtet. Nach wenigen Sekunden spürte er „die ersten Anzeichen einer subjektiven moralischen Arroganz“ in ihm aufsteigen. Ein Gefühl von übersteigertem Selbstvertrauen. Sein Kommentar zum Video: „Um ehrlich zu sein, fällt es mir schwer, ein Lächeln zu unterdrücken.“ (1)
„Messergebnisse bestätigten, dass der Zustand moralischer Fragwürdigkeit nicht gespielt war. Duttons Herz schlug ruhig, seine Gehirnströme zogen trotz der gezeigten Gewaltexzesse in sanften Wellen dahin. Die Transformation war geglückt. Für einige Momente betrachtete der englische Psychologe die Welt mit ähnlicher Gewissenlosigkeit wie jene merkwürdig Gestörten, deren seelische Abgründe er erforscht: Psychopathen.“ (1)

Kevin Dutton glaubt sogar, dass jeder von uns von diesen Gestörten lernen kann!

Sie sind paranoid? So fragt er uns und gibt selbst die Antwort: Ihnen wird es nicht passieren, dass Sie das Kleingedruckte überlesen. Sie sind zwangsneurotisch? Dann werden Sie nie aus Versehen den Herd anlassen. 

Fünf grundlegende Gefühle, die es in allen Kulturen gibt und die wir nahezu alle irgendwann erleben, sind Furcht und Trauer, Angst und Depression, Ärger, Freude und Ekel. Man denkt darüber nach, ob man noch ein sechstes hinzufügen sollte: Überraschung.

Aber es gibt eine Ausnahme, eine Gruppe von Menschen, die Furcht und Trauer nicht kennen, gleichgültig, wie schwierig und anstrengend die Umstände sind: Psychopathen. Ein Psychopath würde sich nicht einmal dann Sorgen machen, wenn er den Herd definitiv angelassen hätte. (2)

Duttons Buch sprengt meine gängige Vorstellung in die Luft. Psychopathen? Das ist für mich Hannibal Lecter aus „Schweigen der Lämmer“. Das waren Jeffrey Dahmer und Ted Bundy. Dahmer träufelte Homosexuellen Säure in den Kopf und machte sie zu willigen Sexsklaven. Die Schädel seiner Opfer, die diese Prozedur nicht überlebten, bewahrte er im Kühlschrank auf. Bundy tötete bis zu hundert Frauen und verging sich gar an deren verwesten Leichen.

Sie gingen als grausigste Serienmörder Amerikas in die Geschichte ein. „Psychologen zählen die beiden Schwerverbrecher zur Gruppe der Psychopathen – ein extrem gefährlicher Typus Mensch, dem jegliches Mitgefühl für andere fehlt.

Diese schwere Störung des Sozialverhaltens gilt als unheilbar. Die Betroffenen empfinden keinen Funken Reue. Jedes Mittel scheint ihnen recht, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“ (3)

Und jetzt verlangt Dutton, dass wir unser Spektrum um eine Gruppe von Psychopathen erweitern, die weit davon entfernt ist, die Gesellschaft zu zerstören, sondern ihr stattdessen durch ihre Kaltblütigkeit und Entschlossenheit dient, sie schützt und bereichert: Chirurgen, Soldaten, Geheimdienstleute, Unternehmer – und, wie er zu behaupten wagt, Anwälte.

Und als ob das nicht fürs Erste genügen würde, hält er einen weiteren Erkenntnisschock für uns bereit: „Wenn es eine Sache gibt, die Psychopathen verbindet, dann ist es die Fähigkeit, ganz normal und unauffällig zu wirken. Doch hinter dieser brillant getarnten Fassade schlägt das Herz eines Säbelzahntigers. Sie haben eine makellose Tarnung. Nach außen hin sind sie sympathisch, charmant, charismatisch. Dadurch werden wir von ihrem ‚wahren Gesicht‘ abgelenkt, sehen nicht, dass sich eine Anomalie dahinter versteckt und fühlen uns von ihrer hypnotischen Präsenz angezogen.“ (4)

Auch Duttons Kollegin Viding entdeckte eine bemerkenswerte und zugleich beunruhigende Fähigkeit dieser unheimlichen Art Mensch: „Sie können sich nicht in die Gefühle anderer hineinversetzen, aber sie sind sehr gut darin, zu wissen, was andere denken“, berichtet sie. (5)

Müssen wir jetzt unsere Familie, Verwandte und Bekannte, unseren Chef, die Chefin, Teamkollegen und Kunden überprüfen und auf soziopathische Züge abklopfen?

Bis heute wird der von dem kanadischen Kriminalpsychologen Robert Hare Ende der siebziger Jahre entwickelte Test genutzt, um Psychopathen zu identifizieren. Übersteigertes Selbstwertgefühl, pathologische Neigung zum Lügen, Gefühlskälte, mangelndes Verantwortungsgefühl werden auf einer Checkliste abgefragt.
„Der höchste erzielbare Wert auf Hares Skala liegt bei 40 Punkten, die Schwelle zur Psychopathie setzte er bei 30 Punkten an. Der durchschnittliche Mann erzielt 4 Punkte, psychopathische Frauen sind eine Seltenheit.

Hare vermutet, dass jede Stadt von ein bis zwei Prozent Psychopathen bevölkert wird, die etwa 50 Prozent aller schweren Verbrechen begehen. Diverse Untersuchungen zeigen, dass im Durchschnitt jeder vierte männliche Insasse eines Gefängnisses psychopathisch ist.“ (6)

Damit ist auch die Begrenzung des Tests beschrieben. Er ist auf Kriminelle zugeschnitten, die in Hochsicherheits-Gefängnissen weggesperrt werden. Wie auf einem Mischpult der Persönlichkeitsmerkmale haben diese, wie Dutton es bildlich formuliert, alle Regler auf Voll-Last ausgefahren.
Diejenigen, die die Regler besser einstellen, laufen frei herum und sind durchaus im Beruf sehr erfolgreich. Auch sie sind furchtlos und gefühlskalt, aber sie zerstückeln keinen, sondern machen Karriere. Forscher bezeichnen sie als ‚erfolgreiche‘ oder ‚milde‘ Psychopathen.

Der Blick der Psychologen wendet sich neuerdings von den Serientätern ab und einem Forschungsfeld zu, das bisher nicht im Fokus war. Große, moderne Unternehmen, der permanente Strukturwandel seien der Nährboden für erfolgreiche Psychopathen, sogar in Spitzenpositionen.

Dutton nimmt keinen anderen als Steven Jobs als Blaupause. Jobs habe drei der offensichtlichsten Merkmale des Psychopathen besessen: Charme, Fokussiertheit und Skrupellosigkeit.

Aufgrund irgendeines darwinistischen Narrenstreiches besitzen erfolgreiche Psychopathen genau die Persönlichkeitsmerkmale, für die viele von uns alles geben würden, so Dutton: Ihr Selbstbewusstsein funkt stets auf höchster Frequenz. Kaum plagt sie ein Anflug von Selbstzweifeln. Noch haben sie ein schlechtes Gewissen. Ein normaler Unternehmenslenker würde sich in der Toilette einschließen und kotzen, wenn er gerade eine Milliarde versemmelt hätte. Der Psychopath geht unverdrossen nach Hause und denkt nicht mehr daran.

Belinda Board und Katarina Fritzon verglichen für eine Studie die Wesenszüge von 39 britischen Unternehmern mit denen von über tausend Insassen der englischen Hochsicherheitspsychiatrie Broadmoor. Die Manager übertrafen die Patienten aus der Nervenklinik in jenen Eigenschaften, die Psychopathen zugeschrieben werden: Unaufrichtigkeit, manipulatives Verhalten, Egozentrik, Mangel an Empathie, Skrupellosigkeit und herrisches Auftreten. (7)

Und in der Ausgabe Mai 2014 des „Harvard Business manager“, erfahren wir in der Titelgeschichte: Der Chef, Warum seine Macken gefährlich werden können, von Manfred Kets de Vries, Professor an der französischen Business School Insead, dass unheilbare Soziopathen und Psychopathen ganze Unternehmen in den Abgrund führen können.

Die aktuelle Forschung ist sich uneins. Die einen legen Wert darauf, dass Psychopathie ein abnormes Verhalten ist, das ab einer bestimmten Punktzahl attestiert werden kann. Andere verfolgen den Ansatz, dass es sich um eine überhöhte Form normalen Verhaltens handelt. Kevin Dutton plädiert in seinem Buch dafür, dass die Übergänge fließend sind: Mit der Psychopathie verhielte es sich wie bei den Tarifzonen auf einer U-Bahn-Karte. Wir hätten es mit einem breiten Spektrum zu tun, auf dem fast jeder von uns seinen Platz hat. Nur eine kleine Minderheit bevölkere die Innenstadt. Offenkundig besitzen die „milden“ Psychopathen Fähigkeiten, die sie sowohl von ihren kriminellen Artgenossen als auch vom Rest der Bevölkerung unterscheiden. Sie können, so Dutton, weit besser als andere Menschen, ihre Aufmerksamkeit messerscharf auf eine vor ihnen liegende Aufgabe richten und alles Ablenkende gnadenlos herausfiltern.

Das Fehlen jedweder Empathie gilt als ihr Markenzeichen. Doch Dutton zeigt auf, das sie im Gegenteil in besonderer Weise fähig sind, die Empfindungen ihrer Mitmenschen zu entschlüsseln.

Dieses Wissen nutzen sie zu ihrem Vorteil aus. Paul Ekman, Ph.D, der wie kein anderer die Landkarte unserer Mimik entschlüsselt, hat dafür Jahre intensivster Forschungsarbeit investiert. Psychopathen sollen parse in der Lage sein, im Gesicht ihres Gegenübers sogenannte Mikroausdrücke wahrzunehmen – winzige und unwillkürliche Bewegungen der Gesichtsmuskulatur, die im Bruchteil einer Sekunde ablaufen und die wahre Verfassung eines Menschen offenbaren. (8)

Aufgrund dieser Fähigkeit sind Psychopathen talentiert darin, anderen etwas vorzugaukeln. Für Dutton sind Sekten ein ideales Biotop für diese skrupellosen Schwindler.

„Wie man seine Anhänger unverblümt und auf überaus komfortable Weise ausbeutet, führte in den siebziger Jahren ein Sektenführer virtuos vor. Der Inder Chandra Mohan Jain, besser bekannt als Bhagwan, predigte seinen Jüngern Bescheidenheit, strebte für sich selbst jedoch den Besitz eines Rolls-Royce für jeden Tag des Jahres an. Dass seine Anhänger diesen Widerspruch klaglos akzeptierten, kommentierte Bhagwan in der wohl einzig möglichen Weise: ‚Fünf Prozent der Menschen sind intelligent, die restlichen 95 Prozent sind unsere Anhänger‘.“ (9)

Wie jeder Bestseller-Autor, der wieder einmal, allein durch die besondere Wahl des Titels, einen Marketing-Coup gelandet hat, müssen dennoch 280 Seiten gefüllt werden. So müssen wir seinen weitschweifenden Ausflügen in die Historie der Persönlichkeitsforschung und der Psychologie folgen. Den vielen Studien, die er heranzieht und zitiert. Für Novizen auf diesem Gebiet können sie, weil sie spannend dargestellt und flott erzählt werden, immerhin einen kleinen Grundkurs Psychologie ersetzen.

Duttons Fazit:
Psychopathie sei wie Sonneneinstrahlung. Wenn man zu viel davon abbekommt, ist sie gefährlich. Aber bei einem vernünftigen Umgang hat sie einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden und die Lebensqualität.

Bei aller Faszination seiner Ausführungen: Wollen wir wirklich erfolgreiche Psychopathen sein?
Und gibt es für uns nicht bessere Wege hin zu mehr privatem und beruflichem Erfolg, als unbedingt eine schicksalhafte Gehirnstörung in der Amygdala?
Es gibt Alternativen. Lesen Sie dazu auch unsere Buchbesprechungen zu Adam Grant und Elaine Fox. Ebenfalls Bestsellerautoren und Forscher, die ihre Thesen erstmals 2014 der deutschsprachigen Leserschaft zur Verfügung stellen.
(Copyright)  Stefan Czypionka. ImageFaktur

 

(1) Der Spiegel, 16/2013, Seite 111: Raubtiere ohne Kette. Könnte man auch Karriere machen statt zum Serientäter zu werden? Seelenkundler entdecken den Typus des beruflich erfolgreichen Psychopathen.
(2) Dutton, Vorwort, Seite 11.
(3) Der Spiegel, 48/2012, Kindheit ohne Gewissen. Die dissoziale Persönlichkeitsstörung gilt als unheilbar und rätselhaft. Nun hoffen Forscher, einen Schlüssel zur Behandlung der Psychopathen entdeckt zu haben. Von Frank Thadeusz. 
(4) Dutton, Vorwort, Seite 13-14.
(5) Der Spiegel, 48/2012, Kindheit ohne Gewissen, Seite 138.
(6) Ebenda
(7) Der Spiegel, Raubtier ohne Kette, Seite 112.
(8) Ebenda.
(9) Ebenda.

 

 

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