ImageFaktur: Ticker, 13.09.2014: Heute erneut keine Hungersnot

 

 

Hans Rosling: „don´t panic“. Stephen Emmott: “we´re fucked

Kennen Sie Hans Rosling, den alten Schweden, 66, Professor für Internationale Gesundheit, Liebhaber von Statistiken, weltberühmt geworden mit Ted-Talks und YouTube-Filmchen?

alter schwede

Kenn Sie Stephen Emmott, 54 Jahre alt und Leiter des Microsoft-Labors für rechnergestützte Naturwissenschaften in Cambridge?

Zuerst zu Hans Rosling. Von dem hätte ich nie erfahren, hätte mich Guido Mingels in der Spiegel-Ausgabe, 37/2014, Seiten 50 – 58, nicht in seinem spannenden und gut recherchierten Artikel auf ihn aufmerksam gemacht. Danke! (1)

Der Schwede reist zu Kongressen rund um den Erdball und wird gerade mit seinen Vorträgen über die Erfolgsgeschichte der Menschheit zum Star. Die Zeitschrift Time, nahm in 2012 in ihre Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt auf. Guido Mingels vom Spiegel hat versucht einen Termin für ein Interview zu bekommen, aber Rosling war so beschäftigt, dass es nur zu Minuten-Spots kam, weil Rosling immer gerade noch was erledigen musste, von irgendwoher kam und irgendwohin musste.

Vier Minuten genügen und Rosling hat die Geschichte von 200 Ländern in den vergangenen 200 Jahren erklärt. Wenn Sie zu unseren ehemaligen Seminarteilnehmern gehören und diese Zeilen gerade lesen, dann wissen wir, wie Sie leicht nach innen schmunzeln. WOW, es geht doch, wie gesagt und gelernt. Kurz, prägnant präsentieren, kompetent wirken hat nichts mit dem üblichen Fakten- und Detail-Overkill zu tun. Und die Kernthesen immer mit der richtigen „Sound-Bite-Technik“ untermauern! Für nicht Eingeweihte: Die von uns trainierte “Sound-Bite-Technik“ wirkt wie eine Entschwafelungsanlage.

Am Ende seiner Kurzpräsentation, so zitiert ihn Mingels, steht ein klares Statement: „Ich sehe einen klaren Trend in die Zukunft. Dank Entwicklungshilfe, Welthandel, grüner Technologie und Frieden ist es sehr gut möglich, dass alle es in die gesunde und reiche Ecke schaffen können. Das scheinbar Unmögliche ist möglich.“ (2)

Gegen infiziertes Denken helfen nur Fakten

Sein Sohn leitet mit seiner Frau die familieneigene Stiftung „Gapminder“. Sie wollen eine faktenbasierte Weltsicht verbreiten, in dem sie Statistiken anschaulich und unterhaltsam in Grafiken umwandeln. Dahinter steckt ein bemerkenswertes Know-How. Denn sie haben vor Jahren „Trendalyzer“ entwickelt. Diese Software nutzt die gigantischen Datenmengen zum Beispiel von Uno, IMF und Weltbank. Google hatte sich die beiden als Mitarbeiter gekrallt, wo sie mit Marissa Mayer zusammenarbeiteten, die heutige Yahoo-Chefin. Und noch ein Argument, um die Seriosität von „Gapminder“ zu untermauern und um sicherzustellen, das Hans Rosling alles andere ist, als eine weitere von den vielen Luftpumpen da draußen, die mit wirren Thesen und Weltuntergangsszenarien unsere Hirne vernebeln: Google hat die Software gekauft und in seine Suchmaschine integriert. Das heißt, wer irgendeine statistische Frage bei Google eintippt, erhält eine Graphik, die auf deren Algorithmen basieren.

Rosling, der „Daten-Rockstar“, Financial Times, verbreitet die Fakten dann in launigen, hausgemachten YouTube-Filmchen, die millionenfach angeglickt werden.

Seine Botschaften in Kurzfassung:

„… die Kindersterblichkeit sinkt. Fast überall auf der Welt. Aber die Leute in der ersten Welt wissen das nicht.

Und der Wohlstand steigt, auch fast überall. Doch der Westen nimmt das nicht wahr.

Die Geburtenraten nehmen ab.

Die Armut wird weniger, sie ist seit 1950 nach einer Einschätzung der Uno stärker zurückgegangen als in den 500 Jahren davor.

Die Bildung verbessert sich, vier von fünf Menschen können heute lesen und schreiben.

Die Lebenserwartung steigt, in nahezu allen Ländern (71 Jahre beträgt heute die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit. 1964: 55 Jahre).

Und die reiche Welt glaubt es nicht. Doch es sind Fakten. Die Daten, die Gapminder verwendet, sind unbestritten. (3)

Sieben Milliarden Menschen leben auf der Welt. Eine Milliarde stellt die globale Oberschicht (Nordamerika, Europa, Japan). Zwei Milliarden stellt die arme Unterschicht (in Teilen Afrikas, in ländlichen Regionen Asiens).

Vier Milliarden stellt die globale Mittelklasse (in den Schwellenländern, nicht arm, nicht reich).

Die Kluft zwischen Arm und Reich, diese Vorstellung, die sich hartnäckig in unseren Köpfen festgesetzt hat, bestand nach Rosling tatsächlich. Bis etwa 1950! In dieser Kluft lebt heute die Mehrheit der Weltbevölkerung, so Rosling: „Es gibt keinen Gegensatz mehr zwischen uns hier oben und denen da unten. Es ist längst ein Kontinuum geworden.“ (4)

Obwohl die Fakten eine eindeutige Sprache sprechen, wissen viele angeblich ach so aufgeklärte Zeitgenossen allem Anschein nichts davon und halten weiterhin an ihren stereotypen Mantras fest, dass die Welt sich im Sauseschritt dem unvermeidlichen Abgrund nähere.  Für die hat Rosling einen Ignoranz-Test entwickelt, auf dem man 10 Fragen beantworten muss. Dieser Test wurde in Schweden, USA und England durchgeführt. Alle Umfragen zeigen, „dass die Leute die Verhältnisse auf der Welt viel zu pessimistisch einschätzen. (5)

Hans Roslings Ignoranz-Test hat der Spiegel in einer Umfrage mit 1088 Testpersonen durchgeführt. Den Test und die Ergebnisse finden sie im Spiegel 37/2014 auf Seite 57.

Wir fragen uns,  warum blicken wir so pessimistisch in die Zukunft, so wie der „Angelus novus“ in Paul Klees Bild: mit dem Rücken zur Zukunft und den Blick in die Trümmer der Vergangenheit gerichtet?   „Warum“, so fragt auch Hans Rosling seine Zuschauer, „können die Leute sich nicht am Erfolg freuen, warum ist es immer der Misserfolg, von dem sie sich bestätigt fühlen?“

Roslings Fazit: Optimisten werden für naiv, oberflächlich und verantwortungslos gehalten – Pessimisten aber für wichtig und klug. (6)

Wir sind diesem Phänomen auch schon länger auf der Spur. Vielleicht lässt sich das möglicherweise durch den von Teresa Amabile von der Harvard University entdeckten „Brillant, aber grausam“-Effekt erklären. Auf diesen Effekt stieß Amabile im Rahmen kontrollierter Experimente mit Buchkritiken, von denen ein Teil gehässig und ein Teil freundlich geschrieben war. Wie sie feststellte, wurden die negativen und gehässigen Rezensenten zwar als unsympathischer, aber auch als intelligenter, kompetenter und fachkundiger eingestuft, als diejenigen, die die Bücher genauso „verrissen“, ihre Kritik jedoch zurückhaltender und freundlicher formulierten. (7)

Schauen wir uns einmal so einen Prototypen an:

Stephen Emmott, 54 Jahre alt und Leiter des Microsoft-Labors für rechnergestützte Naturwissenschaften in Cambridge.

Er ist eine echte Kassandra und untermauert faktenreich seine Sicht auf die Welt, die komplett zu anderen, diametral entgegengesetzten Aussagen kommt, als sie Rosling propagiert:

„Die Situation, in der wir uns heute befinden, kann man mit Fug und Recht einen beispiellosen Notstand nennen.“ (8)

Das klingt sehr dramatisch. Deshalb wählte er für die Verbreitung seiner Thesen auch einen ungewöhnlichen Ort.

Seine Vorträge im Royal Court Theater in London wurden zu einem Publikumserfolg.

Auch er nutzt eingängige Charts: „… Überfischung der Meere, den ansteigenden Kohleverbrauch, die Wasserknappheit, die Überbevölkerung.“ (9)

Seine Kernaussage: Der Mensch kann die Probleme, die er geschaffen hat, nicht mehr lösen. Es gibt ein Buch dazu mit dem Titel „10 Milliarden“ und ebenfalls einen Dokumentarfilm mit dem gleichen Titel. Seine Fazit, „we´re fucked„, wird in der deutschen Buchausgabe zu „Wir sind nicht mehr zu retten“ verniedlicht.

Don´t panic“ heißt der Dokumentarfilm, den Rosling gerade für die BBC gemacht hat.

Auf der letzten Seite seines Buches stellt Stephen Emmott einem jungen Wissenschaftler und Kollegen die Frage, was er denn tun würde angesichts der düsteren Aussichten, und der sagt: „Meinem Sohn beibringen, wie man mit einem Gewehr umgeht.“ (10)

Sie haben nun wieder einmal die Wahl. Teilen Sie Roslings Sicht der Dinge oder fühlen Sie sich eher zu Emmott hingezogen. Neigen Sie eher zu einer optimistischen oder eher zu einer pessimistischen Wahrnehmung der Dinge. Entscheidungshilfe finden Sie auf jeden Fall bei unserer Buchbesprechung zu Elaine Fox: http://www.imagefaktur.de/jeder-ist-seines-glueckes-schmied-aber-nicht-jeder-schmied-ist-gluecklich-geht-es-jetzt-den-pessimisten-den-kragen/

Stefan Czypionka und Julia Hanke

Weiterführende Links: Die Entwicklung der Welt in sekundengenauen Zahlen. Das „Worldometer“ (Danke, Peter Apel, für den Link):

Hat nichts mit Rosling zu tun, geht aber einen spannenden Weg:

http://www.worldometers.info/de/

Kurzer Film über Roslings Präsentations-Technik. We like him, Julia und Stefan:

[embedyt]http://www.youtube.com/watch?v=oVYq2jWKNpQ[/embedyt]

 

Quellen:

(1) Der Saldo der Welt. Ein Schwede wird zum Star mit Vorträgen über die Erfolgsgeschichte der Menschheit. In einer Zeit voller Angst lehrt Hans Rosling ein anderes Denken. Von Guido Mingels. Der Spiegel 37/2014, Seiten 50 – 58.

(2) Ebenda, Seite 50

(3) Ebenda, Seite 51

(4) Ebenda, Seite 52

(5) Ebenda

(6) Ebenda, Seite 53

(7) Robert I. Sutton, Der Arschloch Faktor, Vom geschickten Umgang mit Aufschneidern, Intriganten und Despoten im Unternehmen. Der Wirtschaftsbestseller erstmals als Taschenbuch. 5. Auflage  Taschenbuch 04/2008,  2007 by Robert I. Sutton. Wilhelm Heyne Verlag München, Seite 157.

(8) Der Saldo der Welt. Ein Schwede wird zum Star mit Vorträgen über die Erfolgsgeschichte der Menschheit. In einer Zeit voller Angst lehrt Hans Rosling ein anderes Denken. Von Guido Mingels. Der Spiegel 37/2014, Seite 53.

(9) Ebenda, Seite 53

(10) Ebenda

 

 

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