Anschlag auf das Ich

Dummheit, Ignoranz, Fremdabwertung, Narzissmus und mangelnde Empathie, aus diesem Gebräu lassen sich fast alle Verwerfungen in Partnerschaften, im sozialen Umfeld, in der Firma bis hin zu nationalen und internationalen Konflikten ableiten.

Die deutschen Stammtische sind der Brut Herd für infizierte Sprache und infiziertes Denken. Hier werden nicht Meinungen kritisch reflektiert und überprüft, hier werden die eigenen Stereotypen und Vorurteile in Stein gemeißelt und in Zement gegossen.

Ich erinnere mich gut an folgende Stammtisch-Diskussion: Der Dummbeutel nach dem dritten Bier: „Die Türken sind faul, greifen nur Hartz IV und Arbeitslosengeld ab und machen sich ein schönes Leben auf unsere Kosten.“ Der aufgeklärte Zeitgenosse, auch schon drei Bier: „Das stimmt nicht. Ich habe neulich gelesen, dass gerade die Türken viel mehr in unser Sozialsystem einzahlen, als sie rausnehmen. Sie sind fleißig und arbeiten hart.“ Der Dummbeutel: „Sag ich doch, die Türken nehmen uns die Arbeitsplätze weg.“

Austrinken und gehen. Das habe ich in dem Moment gedacht. Und: Wieso sind Menschen oft absolut unfähig, ihren beschränkten Horizont durch Fakten und neues Wissen wenigsten ein bisschen zu erweitern. Das betrifft ja nicht nur den deutschen Stammtisch. Das betrifft die kulturellen Umbrüche unserer Gesellschaft, auf die wir dringend Antworten suchen. Das betrifft den kulturellen Wandel in den Unternehmen. Diesen ewigen Balance-Akt zwischen ständiger Anpassung an neue globale Herausforderungen und der Fähigkeit, Bewährtes und Erprobtes nicht vorschnell für ein paar Cent mehr Profit über Bord zu schmeißen.

Um meinen aufkommenden Ärger in den Griff zu bekommen und ihn in den weniger selbstschädigenden Modus der leichten Irritation zu überführen, habe ich mir in Erinnerung gerufen, dass ich bei den Stammtisch-Brüdern allem Anschein nach gerade Zeuge einer Denk- und Wahrnehmungsfalle war, die sich aus einem psychologischen Ur-Gesetz zu speisen scheint, das die neueste Gehirnforschung gerade zu entschlüsseln versucht.

Die Gewohnheit unseres Gehirns, das in den Vordergrund zu rücken, was von unmittelbarer Relevanz ist, und den Rest auszublenden, scheint einerseits von großem Nutzen zu sein. Wenn unser Gehirn nicht diese Fähigkeit besäße, „würden wir von der Überfülle der auf uns eindringenden Informationen schachmatt gesetzt. Dieses Selektionsverfahren filtert aber auch das aus, was unser Gehirn für irrelevant erachtet; auf ihm gründet also auch die besondere Ausrichtung unserer affektiven Veranlagung, es entscheidet darüber, was wir uns in den Vordergrund zu rücken oder zu ignorieren angewöhnen“. (1)

Andererseits war ich auch Zeuge dessen, was Psychologen den Bestätigungsfehler (confirmation bias) nennen. So erklärt Elaine Fox, eine der führenden Gehirnforscherinnen, diesen Bestätigungsfehler, dem wir alle anheimfallen, an folgendem Beispiel: Wenn man überzeugt ist, dass Frauen schlechtere Autofahrer sind als Männer, dann bestätigt man sich selbst, dass dem so ist, indem man immer wieder konkrete Belege dafür wahrnimmt, dass Frauen nicht gut Autofahren können. Was einem hingegen entgeht, sind Belege dafür, dass Männer schlecht und Frauen gut fahren. Und dann gibt sie uns „Aufgeklärten“ und „Faktenorientierten“ den Gnadenstoß: Alles was der eigenen Grundüberzeugung widerspricht, wird überhaupt nicht wahrgenommen. Unsere Meinungen legen fest, was wir mit Bezug auf die uns umgebende Welt bemerken, gleichzeitig sind aber diese Meinungen überhaupt erst weitgehend durch das geprägt worden, was wir bemerkt haben. (2)

Klar, wir haben oft genug erlebt, dass selbst beste Argumente, die wir anführen, beim Gegenüber auf taube Ohren stoßen und wie in den Wind gespuckt wirken. Also lieber die Klappe halten und nichts sagen, wenn uns wieder einmal die Haare zu Berge stehen? Auf keinen Fall, das wäre mir zu passiv. Wenn wir das Feld des kritischen Diskurses räumen, ohne den sich keine demokratische Gesellschaft weiterentwickeln kann, dann wird der freigewordene Platz, den wir hinterlassen, von denen besetzt, die manipulativ unsere Ängste nutzen, um die Hirne zu vernebeln. Wir sind doch ständig, bis in den Alltag hinein involviert: Kopftuchverbot, Burka ja oder nein. Vor kurzem noch die hitzige Diskussion um die religiös geprägte Beschneidung jüdischer Jungen. Und wer erinnert sich noch an den Bestseller-Autor Thilo Sarrazin? Und an die Bilder, die durch Deutschland gingen? Da hat eine Fan-Gruppe Schlange gestanden und die Säle gefüllt, die sich bisher hinter ihren schmiedeeisernen Hofeinfahrten und den Adu-Gardinen versteckt hielt.
Und ist das Denken noch so schwer, kommt irgendwo ein Lichtlein her! 

Just in Time bin ich über eine kurze Buchbesprechung von Romain Leick gestolpert: Anschlag auf das Ich. Zeitgeist: Die US-Philosophin Marta Nussbaum beschreibt den „Narzissmus der Angst“ als Gefahr für die westliche Toleranz, Der Spiegel, 35/2014, Seiten 126 – 127. (4)

Intoleranz ist für sie ein Zeichen der Unfähigkeit, Widersprüchliches und Zwiespältiges in sich und in der Gesellschaft zu ertragen. (3)
„Wird das soziale Grundvertrauen, das in einer weitgehend homogenen Gesellschaft auf natürliche Weise herrscht, durch Gefährdungen und das Gefühl der Unsicherheit erschüttert, wächst das Potenzial der Intoleranz. Eben deshalb sollte man „die Welt nicht durch den Narzissmus der Angst betrachten“, obwohl viele dieser Ängste rational sind und die Menschheit ohne Angst aus Risikoblindheit schon längst ausgestorben wäre.“ (3 und 4)

Was sagt sie zum Kopftuch und der BurkaKatholische Nonnen in ihrer Tracht erregen keinen Anstoß in der Öffentlichkeit – warum dann die Burka? Anders als Nazikluft oder die Kapuzen des Ku-Klux-Klan stelle die Burka keinen Aufruf zum Hass dar. Sie sei lediglich ein Dorn im Auge der anderen, wird sie von Romain Leick zitiert.

Und: Die religiös motivierte Beschneidung von Knaben verursache keinen bleibenden psychischen Schaden. Nicht beschnitten zu sein könnte für einen jungen Juden sogar ein Trauma werden.
Sie weist darauf hin, „dass die Mitglieder jeder Familie vielerlei internen Zwängen und einem emotionalen Anpassungsdruck ausgesetzt sein können, ohne dass der Staat sich mit Verboten und Regulierungen einmischt“.

Drei Wege, so Leick, führt Martha Nussbaum an, um die Liberalität des Westens zu schützen und zu verteidigen:

  1. „Ein Begriff der Nation, der nicht mehr wie in Europa üblich im romantischen Erbe von Volk, Sprache und Kultur wurzelt, sondern auf abstrakten, politischen Grundsätzen des gleichen Respekts und der gleichen Gewissensfreiheit für alle Bürger beruht.
  2. Ein rigoroser kritischer Diskurs, der Ungereimtheiten in der Gewissenspraxis aufdeckt. 
  3. Die Fähigkeit zur Empathie, das „innere Auge“, das uns wie in einem Roman die Welt in einer Vielfalt der Perspektiven betrachten lässt.“

All dies mit drei Orientierungspunkten: Kants kategorischer Imperativ, sokratische Selbstprüfung, literarisch geschultes Einfühlungsvermögen.

Ich werde mir das Buch besorgen und mich einlesen. In der Hoffnung, dass die von Romain Leick genannten ersten Fundstücke, die mir sehr abgehoben daherkommen, im Buch eine alltagstaugliche und mit vielen Beispielen aus der aktuellen Debatte bestückte Aufklärung erhalten.

(1)
Elaine Fox
In jedem steckt ein Optimist. Wie wir lernen können, eine positive Lebenseinstellung zu gewinnen. Neue Erkenntnisse der Hirnforschung und Psychologie. C. Bertelsmann. Deutsche Erstausgabe 2014. Seite 36.
(2) ebenda. Seite 52.
(3) Der Spiegel, 35/2014, Seiten 126 – 127
(4) Martha Nussbaum: „Die neue religiöse Intoleranz. Ein Ausweg aus der Politik der Angst“. Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus de Palézieux. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt; 224 Seiten; 39,95 Euro.

Link: Unsere Buchbesprechung Fox!!

 

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